Seit zwei Stunden sitze ich hier, starre auf die weiße Fläche auf dem Bildschirm vor mir und weiß nicht, wie ich in Worte fassen soll, was in meinem Kopf vorgeht.
Der Cursor blinkt erwartungsvoll, immer wieder setze ich an, einen Textanfang im Kopf und verwerfe ihn wieder.
Das kenne ich nicht. Gewöhnlich spucke ich Worte, wie eine Maschine.
Verbal ebenso wie schwarz auf weiß. Je mehr mich etwas beschäftigt, um so umfangreicher und gründlicher beleuchte ich es von allen Seiten und bringe meine Gedanken zu Papier, oder zu Ohren.
Aber nicht heute, ebenso nicht gestern.
Gestern blieb ich, eben weil ich mit DEM Thema das alle Medien beherrschte, und selbst die EM auf Platz zwei verwies, nicht zurecht kam bei einer Geschichte über Jugendliche und junge Erwachsene, die Schelte für politischen Übereifer einstecken mussten.
Auch heute wirkt das Geschehene, diese unfassbare Bluttat noch surreal auf mich.
Ich drifte von Fakten zu Mutmaßungen, zu Interviews von Angehörigen der Opfer und auch des Täters.
Ich schlinge Informationen in mich hinein, wie ich es sonst auch tue, wenn ich die Tagespresse studiere, aber er rastet nicht ein, der kleine Schalter zwischen Wissen und Begreifen.
Wie eine Art emphatischer Lähmung fühlt es sich an, was da in meinem Kopf vorgeht.
So viele schreckliche Dinge passieren, werfe ich mir selbst immer wieder in Gedanken vor, warum trifft dich das mehr, als die ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmehr?
Dabei ist das gar nicht wahr. Orlando trifft mich nicht mehr, als der Überlebenskampf der Bootsflüchtlinge. Es kam nur viel plötzlicher, viel überraschender.
So grausam es klingen mag und so sehr ich mir wünschte es wäre nicht so, seien wir ehrlich:
Wenn wir die neuesten Zahlen ertrunkener Flüchtlinge lesen, nehmen wir sie hin.
Wir haben Mitleid, es erschüttert uns, dass es immer wieder auf's Neue passiert, aber es geht uns nicht mehr so nahe wie die ersten Bilder von am Strand angespülten Leichen.
Wir sind abgestumpft. So sagt man umgangssprachlich. Aber so ist es nicht.
Was in Orlando passiert ist und unsere Reaktionen darauf zeigen, dass lediglich unsere Selbstschutzmechanismen begonnen haben das vorherrschende Chaos um uns herum zu filtern und nur noch die Information, nicht mehr aber das Gefühl durch zu lassen.
Fachsprachlich nennt man die Fähigkeit dazu, ohne eben dabei ab zu stumpfen, Resilienz.
Sie beschreibt, vereinfacht ausgedrückt, das Vermögen des Menschen, auf sich verändernde Eindrücke, Umstände und Anforderungen, situationsbezogen und flexibel zu reagieren und belastende Umstände ohne psychische Folgeschäden zu meistern und zu überstehen.
So können wir mit dem nötigen Abstand mit menschlichen Tragödien wie der Flüchtlingskriese und auch den immer wiederkehrenden Naturkatastrophen umgehen.
Was wir schon einmal verarbeiten mussten, was bekannt, oder seit längerem aktuell ist, ist leichter zu verarbeiten, oder manchmal zumindest bei Seite zu drängen.
Das heißt nicht, dass wir nicht Anteil nehmen und mitfühlen. Wir schützen uns nur selbst.
Wenn nun aber etwas völlig Unerwartetes, wie die Anschläge von Paris im vergangenen November, oder nun das Blutvergießen in Orlando, passiert, dann ist dafür noch keine Barrikade errichtet.
Es stürmt auf uns ein und richtet, zumindest vorübergehend Schaden an.
Obwohl wir niemanden aus dem Kreis der Betroffenen kennen und nicht einmal erahnen können, wie groß Schock, Trauer, Schmerz und auch Wut bei Hinterbliebenen und Überlebenden sind, sind wir emotional plötzlich stark involviert.
Ganz allmählich wird in den nächsten Tagen und Wochen die beschriebene Fähigkeit dieses Mitfühlen abschwächen und in eine Erinnerung verwandeln, archiviert, um, falls etwas ähnliches passieren sollte, auf Muster zuzugreifen, die uns jetzt gerade helfen, das Geschehene zu verarbeiten.
Für die Menschen, die von derlei unmenschlichen Geschehnissen direkt betroffen sind, kann ich nur wünschen, dass sie so viel, und die Form von Unterstützung und Zuwendung erfahren, die sie benötigen, damit es ihnen möglich ist, weiter zu leben.
Und zwar wirklich zu leben, nicht nur zu existieren.
Ich hoffe und wünsche, dass sie den Mut finden, schwach zu sein und zu trauern, zu verfluchen und zu weinen. Denn um wirklich zu trauern und zu vermissen, muss man sich erlauben, schwach zu sein.
Ich wünsche ihnen Freunde, die erkennen, wann sie gestützt und wann sie für sich gelassen werden wollen und ich wünsche ihnen, dass sie an der Trauer wachsen können und nicht in ihr vergehen, dass sie irgendwann erkennen, dass sie ausgetrauert haben und zu neuer Stärke finden und das Leben derer feiern können, die selbst nicht mehr da sind um es zu tun.
Und ich wünsche mir und uns, dass es diesen Menschen vielleicht ein klein Wenig hilft, wenn sie sehen, wie viel Anteil alle Welt dieser Tage an ihrem Leid und ihrem Verlust nimmt.
Ich wünsche mir, dass es wahr ist, dass ein Wunsch den viele wünschen wie ein Zauber ist.
In diesem Sinne, lasst uns heute nicht skeptisch sein. Bis die Tage, eure Motte.

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