Dienstag, 14. Juni 2016

Geschichtsblindheit

Irgendwann, während einer nicht enden wollenden Geschichtsstunde voller trockener Jahreszahlen und Vertragsschlüssen aus grauer Vorzeit, wurde ein Lehrer einmal gefragt, wozu man all dieses alte Zeug noch wissen müsse, ob man das Alles irgendwann im Leben brauchen könne.
Gelassen, wie dieser Lehrer nun mal war, lies er sich auf eine Diskussion ein.
Eine ganze Weile lies er den Schülern die Oberhand, lies sie erläutern, wie nutzlos diese verstaubten Geschichten seien.
Als die Schüler und Schülerinnen ihr Pulver verschossen hatten, begann er, ohne Namen zu nennen, eine Abfolge von Begebenheiten aufzuzählen. Diese ähnelten im Kern stark  dem Auftakt zum zweiten Weltkrieg. Als er erwähnte, dass Soldaten nunmehr auf das Staatsoberhaupt vereidigt würden, wurden die Ersten stutzig.
So ging es weiter bis zu Ausgrenzung und Verfolgung. Die Klasse war aufgebracht. Man würde dergleichen nicht zulassen, waren sich alle einig.
Der Lehrer saß derweil auf dem Pult und grinste in die Runde.
"Wenn ihr JETZT ERST verstündet was los ist, wäre es lägst zu spät.
Die Entwicklungen hätten euch überholt. Würdet ihr zu dem Zeitpunkt, zudem ihr jetzt angefangen habt mir zu widersprechen, versuchen das Unheil noch aufzuhalten, hättet ihr kaum mehr eine Chance. Und hättet ihr im letzten halben Jahr aufgepasst und SO gelernt, wie ich es euch versucht habe beizubringen, nicht nur auswendig, sondern mit dem Willen zu begreifen, Bezüge und Wechselbeziehungen, Zusammenhänge zu erkennen, dann wärt ihr spätestens zur Mitte von Punkt zwei meiner Aufzählung hin aufgesprungen und hättet gerufen:
'Nein, nicht noch ein Mal! Nie wieder!'.
Und jetzt hört auf zu maulen, das hier ist keine öffentliche Suppenküche, wer nicht lernen WILL, kann gerne gehen.
"
An diesem Tag hatten die Schüler nun tatsächlich etwas gelernt. Und sein Rat bezüglich der Herangehensweise an den Fachbereich Geschichte war nun angekommen und wurde auch umgesetzt.
Nicht von allen, natürlich. Aber einen Großteil seiner Zuhörer hatte er erreicht.
Man müsste meinen, es bräuchte solche Tricks nicht.
Ich persönlich habe eine sehr lebendige Verbindung zu der Zeit zwischen den Weltkriegen und besonders zu den regionalen Ereignissen in meiner direkten Umgebung in den Jahren ab 1936.
Meine Großmutter, der weitestgehend meine Erziehung oblag hat beide Weltkriege bewusst erlebt und Viele und Vieles durch sie verloren. Mein Vater ist 1937, mein Onkel 1927 geboren.
Die bewusste Erinnerung meiner Mutter beginnt in der frühen Nachkriegszeit. Sie alle haben, zuerst mehr untereinander, ohne viel darüber nach zu denken, dass ich anwesend war, später aber auch direkt mit mir, über das gesprochen, was ihnen und Menschen in ihrer Umgebung in jener Zeit widerfuhr. Das hat mich sehr geprägt. Es hat mich skeptisch gemacht, gegenüber schnellen Lösungen komplexer soziologischer Probleme. Und es hat auch dazu geführt, dass ich permanent hinterfrage, warum ich jemanden so einschätze, wie ich es eben tue. Ich leiste laut und unbequem für meine Umgebung Widerstand, wenn ich Unrecht geschehen sehe und mich in der Position, etwas daran zu ändern. Selbst wenn dieser Widerstand für mich unbequem ist. Auch wenn er Freizeit, Kraft und manchmal sogar Freunde kostet. Das soll mich nicht adeln, das macht mich nicht besonders. Es Zeigt nur, dass es an sich nicht viel braucht, ein Kind zu einem sozial verantwortlichen Erwachsenen zu formen. Wenn ein großgewachsener, bulliger Kerl, den man für praktisch unverwundbar und allmächtig hält, der einem der liebste Onkel auf der Welt ist, mit Tränen in den Augen erzählt, wie er unter Bedrohung seines Lebens mit 15 Jahren zwangseingezogen und an die Front geschickt wurde, ohne vorher je ein Gewehr gehalten zu haben, dann ist das prägend. Wenn die Großmutter, die einem beste Freundin und engste Bezugsperson vom ersten Tage an ist ganz nebenbei bemerkt, dass sie mittellosen Vertriebenen ein Bett gemacht und im Morgengrauen, wenn sie sich hinausstahlen ein Bündel Vorräte mitgegeben hat, obwohl sie sich und ihre Familie damit einer nicht unwesentlichen Gefahr aussetzte, weil es ihr unmöglich gewesen wäre, einen  Notleidenden abzuweisen, dann stößt das etwas in einem kleinen Kopf an.
Und da liegt meines Erachtens die Wurzel des Übels. Es kann doch nicht sein, dass das nur bei uns so war. Es ist schlicht unmöglich, dass in anderen Familien nie über die Erlebnisse dieser Zeit gesprochen wurde, oder wird. Wie kommt es dann, dass unsere noch nicht so lang vergangene Geschichte so weit weg ist aus unseren Köpfen und unseren Herzen?
In jeder Familiengeschichte gib es Flucht und Vertreibung, Soldaten, Regimegegner und natürlich auch solche, die gern mitgemacht haben. Und über ALLE wird dann und wann geredet.
Wie kann es da sein, dass Viele so abgeklärt und distanziert mit der jetzigen Flüchtlingssituation umgehen?
Wie kommen Leute, die ich schätze, wegen ihrer Leidenschaft und Offenheit dazu, ihre Kinder nicht mehr allein aus dem Haus zu lassen, weil jetzt Flüchtlinge in der Nähe wohnen?
Ich kann es mir nicht erklären. Wer es versteht, erkläre es mir. Der Flüchtling an sich ist so wenig schlecht, wie der Einheimische an sich gut. In einer Menschenmasse gibt es immer alle Spielarten menschlichen Seins. Sollen wir jetzt etwa all Jene, die Hilfe suchen abweisen, weil wir unterm Strich sonst ein paar Arschlöcher mehr im Boot haben?
Wäre es nicht viel klüger, unsere Energie darauf zu verwenden, nicht immer mehr Arschlöcher groß zu ziehen? Zumindest könnten wir aufhören den schon erwachsenen Nationalegomanen hinterher zu laufen. das wäre ein guter Anfang. Ich könnte diese Litanei so noch Stunden lang fortführen. Es gäbe viele interessante Aspekte zu beleuchten. Aber ich möchte eure Geduld nicht überstrapazieren. Vielleicht greife ich das Thema einfach morgen, oder in nächster Zeit wieder auf.

Für heute sind's genug der Worte. Bleibt skeptisch, meine Lieben, bis die Tage, eure Motte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen